Hugo Helfenstein
23. Mai 1987, Neue Zürcher Zeitung

Aktueller Schweizer Jazz

Eine Platte des «Notspielplatz Zürich»

kl. Vor vielen Jahren hat die Ex Libris als Schallplattenproduzentin und -distributorin für den aktuellen Schweizer Jazz eine wichtige Rolle gespielt. In letzter Zeit allerdings beschränkte sich die Jazz-Eigenproduktionstätigkeit der Migros-Tochter auf leichtverkäufliche Dixieland-Scheiben, deren künstlerische Qualitäten zumindest unterschiedlich bewertet werden mussten. Im Rahmen der neuen Migros-Kulturförderung liegt nun mit der Platte «Notspielplatz Zürich» ein echter Beitrag zur Dokumentation des Standes aktueller Jazzmusik in der Schweiz vor.
Unter dem Namen «Notspielplatz Zürich» hat sich eine Gruppe von 13 Musikern der lokalen Avantgarde zu einer Art Workshop-Bigband formiert. In einjähriger Arbeit wurden von den Instrumentalisten verschiedenster Provenienz Kompositionen einstudiert und Ideen entwickelt. Wie in solchen demokratischen Workshopunternehmen üblich, sind die Ergebnisse uneinheitlich. Allerdings ist jeder der vier auf der Platte enthaltenen Titel auf Grund einer grossen Spieldisziplin und beschränkter, offensichtlich straff organisierter Improvisationen sehr hörerfreundlich ausgefallen.
Der erste Titel, den das Ensemble hier spielt, stammt vom inzwischen international arrivierten Schweizer Jazzer Urs Blöchlinger, der sein düsteres, bluesinspiriertes Stück «Harry Doesn't Mind» nennt. «Rudy the Pimp» von Peter Hablützel ist leichter, rockiger und enthält raffiniertes Grundmaterial für inspirierte Improvisationen. Lindsay L. Coopers «Urakami, August 9» basiert auf japanischen Musiktraditionen und gibt Gelegenheit, den ausserordentlich begabten Flötisten Andreas Friedli kennenzulernen. Vielleicht die schwächste Komposition der Sammlung ist Martin Schlumpfs «Five o'Clock Jump», der auf einem einfachen Bassostinato aufbaut.
Die Musik der Gruppe ist lebendig, abwechslungsreich, und durch die originelle Instrumentierung mit zwei Kontrabässen und Geige entsteht ein sehr spezieller Sound. Neben Blöchlinger und Friedli fallen als Solisten der Pianist Uli Scherer (vom Vienna Art Orchestra), der Trompeter Peter Schärli und der Posaunist Hugo Helfenstein positiv auf. Internationale Vergleiche sind vielleicht etwas verfrüht, einige Elemente sind noch etwas unbefriedigend (schwerfällige Rhythmusgruppe, unterschiedliche Qualität der Arrangements). Aber immerhin: in der jungen Schweizer Jazz-Szene tut sich etwas, das sich zu dokumentieren, zu fördern und anzuhören lohnt.