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Montag, 19. November 1990, Tages Anzeiger
Kontrastprogramm
Camerata Zürich
VON PETER BÜRLI
Ein Dvorák-Notturno zum Auftakt und eine Dvorák-Serenade zum Schluss - das waren zum Glück nicht die einzigen Kühnheiten im schön komponierten Programm mit tschechischer Musik der Camerata Zürich von Räto Tschupp im Kleinen Tonhallesaal. Eingebettet in die nächtliche Stimmungsstudie (Notturno für Streichorchester H-Dur, op. 40) und die vorabendliche Hitsammlung (Serenade für Streichorchester E-Dur, op. 22) präsentierte Tschupp mit seinen Musikerinnen und Musikern noch eine schweizerische Erstaufführung des zeitgenössischen tschechischen Komponisten Jan Slavicky und als wohltuenden klanglichen Kontrast Janáceks «Capriccio» für Klavier (für die linke Hand) und Blasinstrumente.
Mit «Ad Fontes», einer Betrachtung für Streichorchester, reagierte der 43jährige tschechische Musikwissenschafter und Komponist Jan Slavicky auf die Atmosphäre der wachsenden Gewalt vor der sanften Revolution in seinem Land im vergangenen Herbst. Er verweist damit sehr verhalten und im Idiom der auch schon etwas in die Jahre gekommenen «gemässigten Moderne» auf die Wurzeln der tschechischen Kultur, bietet diesen Rückblick quasi im Sinne einer Lösung der gegenwärtigen Probleme an. Da klingen nach ein paar etwas herberen Dissonanzen dann sehr zaghaft zwei uralte tschechische sakrale Themen an. Der emotionale Effekt dieser Zitate blieb für uns zeitlich wie örtlich Aussenstehende allerdings aus. Trotz der engagierten Interpretation durch die Camerata am ersten Jahrestag der Prager Revolution vom 17. November 1989 dürfte der symbolische Gehalt dieser Zitate für die Hörerinnen und Hörer im Kleinen Tonhallesaal wohl kaum nachvollziehbar geworden sein.
Ein direkterer Zugang war aber sicher zum gelungenen klanglichen Kontrast von Janáceks witzigem «Capriccio» zu finden, welches vor einem sehr ähnlichen ideellen Hintergrund wie Slavickys Werk entstanden ist. Janácek schrieb es als Protest gegen die Greuel des Ersten Weltkriegs, die den Klaviervirtuosen Otokar Hollmann mit verstümmelter rechter Hand von der Front zurückkehren liessen. Einflüsse aus der böhmischen Blechmusik und manchmal der Gestus eines spätromantischen Klavierkonzerts fliessen hier auf sehr persönliche Weise zusammen. Die sieben Bläser (darunter auch in der Jazzszene bestens bekannte Musiker wie der Flötist Matthias Ziegler, der Trompeter Corrado Bossard und der Posaunist Hugo Helfenstein) harmonierten bestens mit dem Zürcher Pianisten Urs Egli, der die Tücken seines nur für die linke Hand geschriebenen Parts brillant meisterte.
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